GLOTZE.tv

04. Juli 2012
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Glööckler, Glanz und Gloria, VOX

„Glööckler, Glanz und Gloria“: German TV has been rickrolled

Harald Glööckler, dieser zur Kunstfigur stilisierte Urschwabe, Einzelhandels-kaufmann, QVC-Teleshopping-Ansager, zweimalige Let‘s Dance-Moderator und selbsternannte Modedesigner, will bei VOX Einblicke in sein Privatleben geben. Produzierte man zu diesem Zwecke einst eine Reportage oder Dokumentation, setzt man den Zuschauern heute Personality-Dokus vor und verkauft inszenierten PR-Müll als das echte Leben des Protagonisten. Oder diffamiert, im schlimmsten Fall, den Protagonisten als realitätsfremdes Medienopfer. Glööckler hat sich für erstere Variante entschieden und präsentiert sich dem deutschen Fernsehen seinem selbstgewählten Ruf entsprechend: Glööckler beim Botoxspritzen, Glööckler in der Badewanne, Glööckler auf der Couch sitzend, Glööckler im Bett, Glööckler in der Sauna, Glööckler, Glanz und Gloria.

Auch wenn es so scheint: Privat ist daran gar nichts, denn der Mensch Glööckler bleibt unter der aufgesetzten Maskerade des Paradiesvogels, dem zweifelhaften Verlangen nach unbedingtem internationalem Anspruch, unter den heuchlerischen Stiefelleckereien von Designern, Busenfreunden und persönlichen Assistenten verborgen. VOX zeigt eine Pseudowelt voller Klunker, Kitsch und Klamauk, in der sich Glööckler bewusst als Karikatur bewegt. Es ist sein gutes Recht, sich den Medien als aufgesetzte Tucke anzubiedern, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen oder sogar mit voller Überzeugung hinter all dem zu stehen, was er zu verkörpern vorgibt.

Und natürlich sind Personality-Dokus immer ein Stück weit von der Selbst-inszenierung des Protagonisten geprägt, aber eine gute Personality-Doku lässt den Zuschauer auch hinter die Fassade schauen – in respektvollem Maße entweder subtil oder gesteuert vom Protagonisten. Wenn der Protagonist das nicht leisten kann oder will, gehört er nicht ins Fernsehen. Ohne ein einziges ernstzunehmendes Interview, ohne Worte zu der durchaus bewegenden Geschichte Harald Glööcklers und ohne einen wirklich privaten Moment aufzunehmen, ist Glööckler, Glanz und Gloria ein bizarres PR-Stück in einer ganzen Reihe bizarrer PR-Stücke des privaten Fernsehens – ein langweiliges noch dazu. Das ist nicht peinlich für Glööckler, sondern für VOX. Denn der Sender setzt seinen Zuschauern schamlose Product Placement-Kost vor, die unter dem Deckmantel der Personality-Doku nichts anderes macht als für Glööckler zu werben. Ich habe mich verarscht gefühlt. Und das lag nicht an Glööckler.

Glööckler, Glanz und Gloria, immer dienstags um 20:15 Uhr bei VOX

26. Juni 2012
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Lothar – immer am Ball, VOX

„Lothar – immer am Ball“: Der alte Mann und die Mär

Mit seinen wechselnden Freundinnen und Ehefrauen springt Lothar Matthäus mehrmals im Monat von der BILD-Titelseite in den Prominent-Einspieler und wieder zurück, trägt seine Nase von einer Prominentenansammlung zur nächsten und vermarktet den einst so glanzvollen Fußballernamen samt weniger glanzvollen Phrasendreschereien im eigenen Onlineshop. Genug Baustellen also, an denen man anknüpfen könnte, um die Marke Matthäus reinzuwaschen von üblen Lästereien über Liebespech oder Liebesglück und den beruflichen Niedergang. Doch im Kleinen agiert eine Fußballlegende wie Matthäus schon lange nicht mehr, er will den Imageumschwung im Großen angehen – mittels einer Personality-Doku. Lothar – immer am Ball heißt das Format, das in den kommenden Wochen das erstaunlich klare Bild transportieren soll, das Matthäus von sich selbst hat: „Jung, knackig, gebräunt. [...] Sportlicher Körper, moderner Style, der intensive Blick der Konzentration und Sehnsucht – das passt einfach zu mir“, sinniert der über eine Fotografie seiner selbst gebeugt in der ersten Folge der eigenen Sendung. Diesen echten Lothar soll nun ganz Deutschland kennenlernen, und den anderen, den Boulevard-Lothar mit den wechselnden Frauenbekanntschaften und der gescheiterten Trainerkarriere, schnell vergessen.

Zumindest hatte sich Matthäus das vermutlich so vorgestellt, als er bei VOX den Vertrag für die sechsteilige Doku-Serie über sein Leben unterschrieben hat. Die Rahmenbedingungen passen auch halbwegs: VOX darf sich dafür rühmen, Daniela Katzenberger aus dem Nichts zum Sendergesicht aufgebaut und zahlreichen Privatpersonen über Doku-Formate eine Medienkarriere verschafft zu haben. Und in der quotenschwachen Zeit während der Europameisterschaft passt die Lothar-Leier als Köder für Fußballfans ja auch herrlich ins VOX-Programm. Praktisch spielt das aber alles gar keine Rolle: Weder als Image-Push für den 51-jährigen Matthäus noch als unterhaltsames Vor- oder Nachprogramm für EM-Zuschauer taugt dieser Mix aus Peinlichkeiten und Banalitäten. Immerhin hat VOX das Format auf einen nächtlichen Sendeplatz verschoben, was für Chefredakteur Kai Sturm ein klares Bekenntnis des Senders ist, dass der mit der Qualität des in Auftrag gegebenen Formates nicht zufrieden ist. Und dafür sollte Matthäus dankbar sein, denn Lothar – immer am Ball zeigt wirklich den wahren Lothar, einen der sich dem Sender anbiedert, vollkommen naiv auch intime Details ausplaudert und der nur das Bild vervollkommnet, das der Boulevard über ihn hat. Das Bild eines Mannes, der nie in der Medienrealität angekommen ist.

Zwischen unfreiwilliger Lebenshilfe („Im Supermarkt greift man am besten ganz nicht hinten, dann hat man das Joghurt in der Hand, dass am längsten Haltbarkeit hat.“), nervigen Fußballanekdoten („Franz Beckenbauer hat mir erzählt, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages ist.“), wohl zum Zweck der Identitäts-stiftung eingebrachten Banalitäten und Auskünften über die Regelmäßigkeit des Besuchs seiner Putzfrau verblasst das Bild eines großen Athleten bis zur Fremdscham. Mit Freundin Joanna Tuczynska wird gestritten, Manager Wim Vogel macht sich über die englischen Sprachversuche seines Klienten witzig und Matthäus selbst setzt noch einen drauf, wenn er in fast neurotischer Weise über Linien und Halbkreise auf dem Fußballplatz lamentiert. Er bemerkt nicht, wann distanzierte Selbstdarstellung und wann Ehrlichkeit angebracht sind, er zieht vor der Kamera blank und gibt jedem Spötter genug Material für die nächsten Monate an die Hand. Matthäus, dieser treudoofe Protagonist in einem abgekarteten Spiel, der in Bezug auf die Medien mehr als alle anderen ein gebranntes Kind sein sollte, hat die Mär vom gerechten Unterhaltungsfernsehen wieder einmal geglaubt.

Dass VOX auf seine Kosten, aber nicht für seinen Nutzen arbeitet, hat er offenbar nicht bemerkt: Was Matthäus in den vergangenen Jahren noch nicht alleine geschafft hat, nimmt jetzt seine eigene Sendung in die Hand, die jedem Zuschauer das letzte bisschen Respekt für einen großen Mann des Fußballs nimmt – noch fünf Sendungen stehen an, den Ruf zu ruinieren. Der Weltmeister und Europameister, der mehrfache deutsche und einmalige italienische Meister, der Weltfußballer des Jahres 1991, der aufgenommen wurde in die FIFA-Liste der 125 besten noch lebenden Fußballer der Welt, macht sich klein und zeigt der Nation, wie er verbrannte Frühstückseier mit dem Tortenheber aus der Pfanne kratzt – nur um dazuzugehören. Fast kann er einem leidtun.

Lothar – immer am Ball, sonntags um 23:15 Uhr auf VOX

07. März 2012
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Ein Bus voller Bräute, VOX

„Ein Bus voller Bräute“: Das rollende Bordell

Kalt und trist muss es sein, das Liebesleben von 20 Großstadtsingles, die sich im Bus durch acht deutsche Dörfer kutschieren lassen: Wenn VOX sich auf die Suche nach einem möglichst originellen Stückchen Nachmittagsunterhaltung begibt, kommt nicht viel mehr dabei heraus als Ein Bus voller Bräute, die gefühlt hundertste Kuppelshow im deutschen Fernsehen – die noch dazu vom skandi-navischen Format Babes on the Bus inspiriert ist. Das Konzept sieht vor, dass ein Haufen Singles durch Deutschland reist, mit reichlich Vorurteilen beladen in bayrischen Dörfern und ostfriesischen Küstenkäffern die einheimische Bevölkerung anbaggert und sich dabei verliebt. Was auf den ersten Blick als das frivole Gegen-stück zu manierierten RTL-Kuppelshows wie Bauer sucht Frau, The Bachelor oder Schwiegertochter gesucht scheint, reiht sich nach dieser freundlichen Erst-betrachtung umgehend in die lange Reihe genau dieser peinlichen Begattungsorgien ein. VOX bedient sich ausschließlich bereits erprobter Dramaturgie, z.B. in den Einspielfilmen und bei den stark nach Inszenierung riechenden Ersttreffen. Ohne Drehbuch würde sonst wohl kein normaler Mensch außer Reichweite einer Kamera sinnliche Massagen, Extremsport, Krabbenpulen oder Hypnose als probates Mittel zum ernsthaften Kennenlernen beim ersten Date wählen.

Doch Ein Bus voller Bräute hat noch mehr zu bieten, was bis auf den Bachelor keine Kuppelshow zu leisten vermag: Es lassen sich herrliche Zickenkriege unter den weiblichen Singles hervorrufen. Diese Gelegenheit lässt sich VOX natürlich ebenfalls nicht entgehen. Moderiert und angeführt wird die rollende Beziehungs-kiste von X Factor-Moderator Jochen Schropp, dem seine gerade erst aufgebaute Glaubwürdigkeit weniger wichtig scheint als das schnelle Geld. Zu tun hat er indes kaum etwas: Bis auf die üblichen Begrüßungs- und Abschiedsszenen bekommt der Zuschauer Schropp nicht zu Gesicht. Das ist auch besser so, denn bis auf Plattitüden und Vorurteile kommt dem Moderator wenig Sinnvolles über die Lippen – immerhin spricht Schropp nicht in Alliterationen. Viel besser als die Singlefrauen ist er aber nicht, denn auch die explizit auf der Suche nach Männern vom Land befindlichen Damen lassen so manche Merkwürdigkeit vom Stapel, die ein Schelm schnell als Eigenwerbung etikettieren würde.

Woher VOX den Glauben nimmt, dass noch irgendjemand im deutschen Fernsehen mit sexistischem Abwurf zu ködern sei, ist unergründlich. Viel mehr steckt aber leider nicht hinter diesem Format, denn auch die oberflächlichen Allgemeinplätze über die Suche  nach der echten Liebe können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Bus voller Bräute mehr einem rollenden Bordell als einer Liebessuche gleicht – wenngleich sich die sexuellen Dienstleistungen vor der Kamera glücklicherweise auf Küsschen und Massagen beschränken. So spielt man im Fernsehen also echte Liebe. Ein Geschmäckle verursacht dann auch die Zweit-verwertung einer Kandidatin, die zuvor bereits bei Schwiegertochter gesucht um die große Liebe gebuhlt hatte – nicht zu vergessen auch die prominent platzierten Dialoge über Buchprojekte und Karriereträume. Zugutehalten kann man dem VOX‘schen Neuzugang, dass in der Beziehungsschmiede wenigstens keine unbedarften Menschen vorgeführt werden, sondern der Bus voller Bräute von den Kandidaten eher dazu genutzt wird, sich selbst zu inszenieren. Als ob das deutsche Fernsehen von solchen Shows nicht schon genug hätte, soll der Bus voller Bräute volle acht Wochen tagtäglich durch das Nachmittagsprogramm gurken.

Ein Bus voller Bräute, werktags täglich um 15:00 Uhr auf VOX